Ein Lichtblick für Mangala

Ein Lichtblick für Mangala- Eine Geschichte aus dem Frauenhaus von Prajna
(Die genannten Namen wurden verändert)

Mangala ist vierundzwanzig Jahre alt. Sie kommt aus Chikmangalur, einem Distrikt in dem südindischen Bundesstaat Karnataka. Als Kind lebte sie in einem kleinen Dorf, zwischen Palmen und Kaffeeplantagen. Ihre Mutter hat sie im frühen Kindesalter verloren, an einer Krankheit ist sie verstorben. Auch ihr Vater war sehr krank, Mangala liebte ihn über alles. Hat viel für ihn getan, vieles getan um Geld zu verdienen, damit er sich ärztliche Behandlungen und Medikamente leisten konnte.
Sie hat als junges Mädchen in einer fremden Familie gearbeitet. Hat Haushaltsarbeit verrichtet, anstatt zur Schule zu gehen, gekocht und das Badezimmer geputzt. Sich tagtäglich die Schikane ihrer Pflegeeltern und Stiefgeschwistern angehört, gehofft und viel gebetet.
Das Geld, das sie für ihre Arbeit bekommen sollte, kam nie bei ihrem Vater an. Als sie als Jugendliche in eine andere Familie nach Mangalore gebracht wurde, erzählte man ihr, der Vater sei gestorben.
Auch in der neuen Familie arbeitete sie hart, wurde erneut als Hilfskraft im Haushalt missbraucht. Wenigstens ein paar Brocken Englisch bekam sie hier beigebracht, das war ihren neuen Pflegeeltern wichtig. Doch zur Schule gehen durfte sie nicht.
Als Mangala älter war, wurde sie zu der NGO Prajna Counselling Centre gebracht und lebte von nun an in einem Frauenhaus in Mangalore.
Heiraten kann sie nicht. Wegen eines genetischen Defektes wachsen ihre Haare nicht. Sie hat kurze krause Locken, kein schönes, langes, dichtes Haar, wie andere Inderinnen in ihrem Alter. Neidisch sieht sie den anderen Frauen dabei zu, wie sie sich Jasmin ins Haar binden, hilft ihnen dabei ihr Haar mit Henna zu färben.
Seit einigen Jahren nun schon lebt sie in den großen dunklen Räumen des Frauenhauses. Zusammen mit Geetha, der älteren Frau mit dem schönen Lachen, die abends manchmal leise singt. Geetha hat schwere psychische Probleme, ihr Oberarm ist bis auf die Knochen verbrannt, aus Verzweiflung hatte sie versucht sich das Leben zu nehmen.
Sie witzelt gerne mit Shilpa, dem jüngeren Mädchen, das ihr lange Geschichten erzählt, viel redet und nach Aufmerksamkeit sucht. Erträgt ihre Launen und ihr Gezeter, wenn sie sich wieder einmal vor der Arbeit sträubt. Sitzt gemeinsam mit den Müttern in den leeren großen Räumen und sieht ihnen dabei zu wie sie ihre Kinder schlagen, wenn sie nicht hören, bekommt Mitleid und spielt mit den Kleinen, schneidet gerne Grimassen.
Sie sieht den Frauen dabei zu, wie sie Löcher in die Wände starren, oder sehnsüchtig aus den vergitterten Fenstern blicken.
Die Türen des Gebäudes sind verriegelt, manche der Frauen dürfen nicht nach draußen, haben schwerwiegende psychische Probleme und müssen daher ständig unter Aufsicht stehen. Die meisten Frauen bleiben bis zu drei Jahren hier. Sie haben innereheliche Probleme, wurden von ihrem Ehemann oder ihren Schwiegereltern psychisch und physisch misshandelt. Manche hatten uneheliche Liebesverhältnisse und haben Angst vor den Vorwürfen ihrer Eltern, wurden von der Familie verstoßen oder sexuell missbraucht. In dem Frauenhaus sind sie sicher, müssen nicht auf der Straße leben und bekommen Verpflegung, psychologische Beratung und Betreuung. Werden dabei unterstützt wieder in ihren Familien aufgenommen zu werden, können nach der Rehabilitierung eine Ausbildung beginnen.
Anders als Shilpa arbeitet Mangala gerne. Sie arbeitet als Putzfrau in dem Bürogebäude der Organisation und hilft in der Küche. Sie kann ausgezeichnet kochen. Lässt sie die Küchenchefin ein Gericht zubereiten, wird sie kreativ und präsentiert neue Kreationen stolz in der Mittagspause, wird gerne gelobt.
Sie liebt Feste, vor allem Geburtstage. Während die anderen Inderinnen sich nicht viel daraus machen, kündigt sie ihren Wochen im vor raus an, damit ihn keiner vergisst. Bekommt sie keinen Kuchen geschenkt, kauft sie sich selbst einen, eine kleine Torte, die sie gerne mit allen teilt, lässt sich die Arme mit Henna bemalen und trägt ihr schönstes Kleidungsstück: einen türkisen mit Glitzersteinen besetzten Salwar.
Sie lacht viel und träumt gerne von Filmstars. Schneidet ihre Gesichter aus Zeitungen aus und klebt sie in ihr Tagebuch.
Nach Bangalore sollte sie ziehen um als Altenpflegerin zu arbeiten. Hatte sich gefreut auf die Vorzüge der Großstadt. Sich voller Vorfreude eine Jeans gekauft, eine Jeans und eine Baseballkappe. Wollte sich in der westlich beeinflussten Stadt von der traditionellen Kleidung verabschieden. Sich fühlen wie die freizügig gekleideten Frauen aus den Bollywoodfilmen.

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Es war ein heißer Samstag im April. Er saß auf der Bank vor dem Bürogebäude der Organisation, zusammen mit seinem jüngeren Bruder. Die beiden Männer haben weiche Gesichtszüge, dunkle Augen, sind schlank und gut gebaut. Sie lächeln, haben strahlendweiße Zähne, sehen sympathisch aus und wirken hier in der Großstadt fremd.

Acht Stunden sind sie gefahren, vorbei an Felswänden und jungen Affen, Kaffeeplantagen und kleinen Tempeln am Straßenrand, von Chikmangalure nach Mangalore. Müde zu sein von der Reise scheinen sie nicht, er sieht zufrieden aus, glücklich. Fünfzehn Jahre lang hat er nach ihr gesucht. Hat bei Freunden gefragt, Nachbarn, der Polizei und sozialen Institutionen. Hatte nicht aufgegeben und immer wieder gehofft. Er hält ein Bild von Mangala als Kind in der Hand, man erkennt sie sofort. Die großen Augen und die kurzen Locken, sie hat sich kaum verändert. Die Sozialarbeiterinnen stehen gerührt in der Einfahrt des Gebäudes und können es kaum glauben: Dass ihr Vater vor ihnen sitzt, er gekommen war um seine verloren geglaubte Tochter zu sich zu holen. Mangalas Vater, von dem sie alle glaubten, er sei tot.

Mangala trägt ihren türkisfarbenen Salwar, mit feuchten Augen umarmt sie ein letztes Mal die Küchenchefin. Sie weint, vor unfassbarem unglaublichem Glück. Ein bisschen auch weil sie traurig ist, dass sie sich nach vielen Jahren verabschieden muss. Verabschieden von den Frauen und Mädchen, die sie ihre Tanten und Schwestern nannte. Sie lacht noch ein letztes Mal mit den Kindern, den Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen in den blau-weißen Schuluniformen. Ihr Lachen werden sie vermissen. Doch in diesem Moment lächeln sie mit glänzenden Augen. Freuen sich, dass es manchmal doch einen Lichtblick gibt und können wieder hoffen. Sie dreht sich noch ein letztes Mal um und winkt. Dann folgt sie ihm. Nach Hause, zu den Kaffeeplantagen, die sie so lange vermisst, von denen sie so viel geträumt hat.

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