Selektive Abtreibung von weiblichen Föten – eine indische Diskussion

Im folgenden Text besprechen sich ein Gynäkologe, unsere Direktorin der Organisation vor Ort, eine Sozialarbeiterin und eine Moderatorin zum Thema der verschobenen Geschlechterverteilung in der indischen Bevölkerung. Bei Abtreibung handelt es sich in jeder Kultur um ein schwieriges Thema das für Menschen mit unterschiedlichen Gefühlen verbunden ist.

Für uns steht dabei die besondere Rolle der Frau in der Gesellschaft im Mittelpunkt. Kinder sind unsere Zukunft, Mädchen wie Jungen. Die selbstbestimmte Erziehung gerade von Mädchen bildet bei Dhira und Prajna eine der  Säule unseres Leitbilds. Die Radiosendung durchläuft zwei Übersetzungsprozesse, (Kannada zu Englisch und von Englisch zu Deutsch) bis sie hier veröffentlicht wird und wir bitten darum dies beim Lesen im Hinterkopf zu behalten. Wir hoffen, dass sich niemand davon in seinen Ansichten verletzt fühlt.

Wir bei Dhira e.V sind sehr dankbar, dass Prajna dieses Thema aufgegriffen hat und sich an diese traurige Tatsache herangewagt hat. In deutschen und internationalen Medien handelt es sich hierbei um ein Thema, welches immer wieder ausgegriffen wird und wir freuen uns eine indische Perspektive geben und indische Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Diese Radiosendung wurde im All Air India Mangalore ausgestrahlt. Hier könnt ihr lesen, was gesagt wurde.

schoolgirl

Teilnehmer: Prof. Hilda Rayappan (Direktorin des Prajna Counselling Centre), Herr Dr. Durgaprasad, Frau Concepta Fernandes und Frau Devika Shetty (Projektkooridnatorin bei Prajna)

Ms Devika: Ein herzliches Willkommen an alle Zuhörer unserer Sendung, lasst uns die heutige Episode mit einem Lied gesungen von den Kindern eines der Kinderheime unserer NGO Prajna beginnen. Es stammt aus einer Sammlung der renommierten Poetin Malati Pattanshetti aus unserem Bundesstaat Karnataka:

Oh Mutter! Ich bin nicht bloß ein Emryo, Ich bin deine geliebte Tochter. Blüte deiner Träume und das Lachen deines Körpers.
Oh Mutter! Mutter meiner kleinen Welt, gefangen bin ich in dunklen Wolken und besorgt.
Oh Mutter! Höre doch meine Misere. Ich muss erst noch den blauen Himmel sehen, den grünen Boden fühlen und die taufrische Luft spüren.
Bitte Mutter, segne mich. Erlaube mir das Atmen,
Ich werde dir Freude und Ruhm bescheren.
Oh Mutter! Ich bin nicht bloß ein Embryo…“

Seit antiker Zeit hat ein matriarchalisches Familiensystem die Küstenregion des Bundesstaates Karnataka (Anm. d. Übersetzerin: auch der Sitz der NGO Prajna – Mangalore -befindet sich hier) dominiert, es ist das Gebiet, wo der Schlangengott Naga dafür angebetet wird, ein Mädchen gezeugt zu haben – die Zeiten haben sich jedoch geändert. Nach einer aktuellen Datenerhebung zur Bevölkerungsstruktur in unserem Distrikt Dakshina Kannada liegt das Geschlechterverhältnis bei der Gruppe der 0 bis 6-Jährigen bei 1000:946, wobei es 1980 noch bei 1000:963 lag. Dieser Abfall im Geschlechterverhältnis ist ungewöhnlich und wir könnten es in Zukunft noch schwer büßen. Um über Geschlechterungleichheit, ihre Gründe und Folgen zu sprechen sind heute die Direktorin des Prajna Counselling Centre Frau Prof. Hilda Rayappan, der medizinische Leiter des Wenlock Krankenhauses Herr Dr. Durgaprasad und Frau Concepta Fernandes vom All India Radio in Mangalore bei uns zu Gast.

Ms Concepta: Der 11. Juli ist der Weltbevölkerungstag. Lasst uns heute, am Vorabend dieses Tages dem Thema der steigenden Geschlechterungerechtigkeit, nicht nur in unserem Bundesstaat sondern Indienweit, Aufmerksamkeit schenken. In der Vergangenheit konnten Frauen stolz behaupten, dass die Hälfte der Welt ihnen gehört, aber die neuesten Entwicklungen sprechen eine andere Sprache. Der Prozentsatz an Frauen im Verhältnis zu den Männern nimmt sogar in den Küstenregionen rapide ab, wo eigentlich das matriarchalische Familiensystem dominiert. Das ist wirklich alarmierend.

Herr Dr. Dugrapraad, Sie haben es bereits erfolgreich geschafft, die Umstände in öffentlichen Gesundheitszentren ländlicher Gegenden wie Vamadapadavu zu verbessern. Viele Menschen in solchen abgelegeneren Gegenden, vor allem die Frauen, profitieren sehr von dem Krankenhaus und der medizinischen Versorgung die ihr anbietet. Mittlerweile arbeiten sie als medizinischer Leiter im Lady Goshan Krankenhaus für Frauen. Da Sie sich an der Basis befinden: Könnten sie uns bitte ein paar einführende Informationen über das Geschlechterverhältnis in unserem Bezirk, Distrikt und Indienweit geben?

Dr Durgaprasad: Ein Mann sollte zahlenmäßig auf jede Frau kommen – das wäre ein normales Verhältnis was die natürliche Balance wahrt. Aber wenn wir uns jetzt die letzten Datenerhebungen für den Bundesstaat Karnataka anschauen stellen wir fest, dass das Verhältnis bei 1000 zu 968 liegt. Das Verhältnis entwickelt sich negativ, die Zahl der Männer steigt an im Verhältnis zu den Frauen.

Wenn wir das Geschlechterverhältnis unter den Kindern auf Bezirksebene, Bundesstaatsebene und nationaler Ebene vergleichen ist das Szenario folgendermaßen:

Auf nationaler Ebene sind es nach einer Bevölkerungszählung von 1991, gab es 945 Mädchen auf alle 1000 Jungen, dann fiel es auf 927 im Jahr 2001 und 2011 war es nur noch 914, ein sehr gefährlicher negativer Trend. Das gleiche abfallende Muster für das Geschlechterverhältnis wurde in unserem Distrikt Dakshina Kannada beobachtet, 1000:956(1991), 1000:952(2001) und heute liegen wir bei 1000:946 (2011). Wenn wir den Ursachen für diesen Abfall näher kommen wollen, werden wir dies auf wissenschaftlicher Ebene tun.

Jeder weiß, dass die X und Y Chromosomen das Geschlecht bestimmen. Wenn sich ein X Chromosom mit einem anderen X Chromosomen verbindet entsteht ein Mädchen und bei einem X und Y Chromosomen wird es ein Junge. Natürlicherweise müsste sich ein Verhältnis von 1:1 ergeben. Wo sind dann die fehlenden Mädchen? Der Prozess hat bereits vor langer Zeit begonnen, aber erst jetzt haben wir es realisiert, da es sich herauskristallisierte, dass es für Männer schwierig wurde eine Frau zu finden. Jetzt sollten die Verantwortlichen anfangen sich darüber Gedanken zu machen, wie es überhaupt so weit kommen konnte; wo wir das Gleichgewicht verloren haben.

[…]

Die Mutter ist diejenige, die eine Abtreibung des weiblichen Foetus erlaubt und durchführen lässt oder selber durchführt. Die Notlage weiblicher Foeten habe ich in einem Gedicht beschrieben, welches ich gerne vortragen möchte. Es beschreibt den Moment, wenn Eltern erfahren, dass sie ein Mädchen bekommen werden und entscheiden, den Foetus abzutreiben: 

„Oh Mutter, bitte töte mich nicht.
Auch ich habe Träume und Hoffnung.
Bitte enttäusche mich nicht!
Bitte nehme mir nicht die Möglichkeit diese wundervolle Welt zu sehen.
Oh Eltern, warum werdet ihr Mörder nachdem ihr wisst, dass ich ein Mädchen bin?
Warum diese Befangenheit?
Lasst uns aufstehen gegen die Abtreibung von Mädchen auf Grund ihres Geschlechts
Oh Mutter, Ich bin eine Frau wie du, lass mich leben, dann können wir gemeinsam für unsere Rechte kämpfen!“

 

Ms Concepta: Sehr schön! Gut zu wissen, dass Sie als renommierter Gynäkologe und Chirurg auch noch ein Poet sind! Das Gedicht war sehr sachbezogen. Denken Sie denn das Frauen wirklich die Hauptverantwortlichen sind?

Dr Durgaprasad: Ich stempele die Frauen nicht immer als die Schuldigen ab, daher nutzte ich auch das Wort „Eltern“ in meinem Gedicht. Wenn beide Elternteile zustimmen, dann kann sich das kleine Embryo in einen wundervollen Menschen verwandeln. Eine solch grundlegende Einstellung zu ändern ist eine schwierige Aufgabe, aber ungeheuer wichtig. Ich weiß, dass Frau Hilda Rayappan eine Expertin im Gebiet der psychologischen Beratung und in Familienfragen ist. Ich denke, dass Massensensibilisierung noch hilfreicher ist in der vorliegenden Situation. Wir sollten mit einer Gruppe oder Gemeinschaft anfangen und sie von einer positiven Einstellung gegenüber weiblichem Nachwuchs überzeugen. Wenn wir einem Einzelfall begegnen, können wir den Eltern auch helfen, ihre negative Einstellung zu verlieren. Wenn es gelingt, werden sie vielleicht Multiplikatoren dieser Denkweise. Man kann die Leute schlecht von einer gewaltfreien Gesellschaft ohne Vergewaltigungen überzeugen.

 

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